30 March 2026, 20:21

Wie Neslihan Arol eine osmanische Erzähltradition in Berlin neu erfindet

Ein Mann in einem schwarzen Anzug und weißem Hemd und eine Frau in einem langen Kleid stehen auf einer Bühne und sehen ernst aus, wobei der Mann ein Objekt hält und eine Treppe im Hintergrund zu sehen ist.

Wie Neslihan Arol eine osmanische Erzähltradition in Berlin neu erfindet

Neslihan Arol lässt in Berlin eine uralte osmanische Tradition wieder aufleben – allerdings mit modernem Touch. Im Bavul Café in Kreuzberg führt sie Meddah auf, eine jahrhundertealte Erzählkunst, die einst eine Männerdomäne war. Ihre Version verbindet Humor, Politik und mehrere Sprachen und stellt dabei überkommene Geschlechterrollen infrage.

Die Meddah-Tradition geht auf die osmanischen Kaffeehäuser des 16. Jahrhunderts zurück. Ein einzelner Erzähler – der Meddah – unterhielt das Publikum, indem er mit Stimme, Gesten und einfachen Requisiten verschiedene Figuren verkörperte. Jahrhundertelang durften nur Männer auf der Bühne stehen, da islamische kulturelle Normen Frauen öffentliche Auftritte untersagten. Erst nach den republikanischen Reformen der Türkei ab 1923 öffneten sich die Künste allmählich auch für Frauen.

Arols Weg zur Meddah war alles andere als geradlinig. Trotz der Warnungen ihres Vaters, der ihr von der Schauspielerei abriet, ließ sie ihr Studium der Chemieingenieurwissenschaften hinter sich und zog 2014 nach Berlin. Dort forschte sie acht Jahre lang für ihre Promotion über Comedy, Clownerie und Meddah. Schon in ihrer Masterarbeit hatte sie eine feministische Analyse über Clowns verfasst und argumentiert, dass das traditionelle Theater Frauen selten komische Rollen zugestand.

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Auf der Bühne ist Arols Auftritt energiegeladen und mehrsprachig – ihre Figuren wechseln zwischen Deutsch, Türkisch und Englisch. Neben ihr steht ein kleines Teelicht, das die Menschlichkeit der Meddah-Künstler symbolisiert. Früher nutzte sie eine alte Gaslampe, bis ein Beinahe-Unfall sie dazu brachte, sie durch die sicherere Kerze zu ersetzen. Am Ende jeder Vorstellung bläst sie die Flamme aus – ein Ritual, das den Abschluss der Erzählkunst markiert.

Arols Arbeit definiert Meddah neu, indem sie eine Frau ins Zentrum stellt. Ihre Auftritte im Bavul Café verbinden osmanische Tradition mit feministischem Kommentar und brechen so mit jahrhundertelanger männlicher Exklusivität. Die Kerzenflamme, die bei jeder Vorstellung entzündet und wieder gelöscht wird, ist zugleich eine Verbeugung vor der Geschichte und ein Zeichen des Wandels.

Quelle