Wie der Zweite Weltkrieg noch heute Europa und den Nahen Osten spaltet
Valeria TrubWie der Zweite Weltkrieg noch heute Europa und den Nahen Osten spaltet
Eine kürzliche Konferenz in Berlin brachte junge Europäerinnen und Europäer sowie Teilnehmer aus dem Nahen Osten zusammen, um die Erzählungen ihrer Länder über den Zweiten Weltkrieg zu diskutieren. Die Veranstaltung offenbarten tiefe Unterschiede in der Erinnerungskultur: Während viele Länder ihre Opferrolle betonten, rangen andere mit komplexeren Geschichtsbildern. Die Gespräche zeigten zudem, wie diese Narrative aktuelle politische Spannungen und Identitäten prägen.
Im Verlauf der Konferenz präsentierte jede Teilnehmende die vorherrschende Erzählung ihres Landes über den Zweiten Weltkrieg. Die meisten jungen Europäer verorteten ihre Identität im Leid: Deutschland konzentrierte sich auf die Täterschuld und die Aufarbeitung des Holocaust, während Frankreich seit Chiracs Entschuldigung von 1995 vom Widerstandsmythos zur Anerkennung der Kollaboration des Vichy-Regimes überging. Polens Erzählung verband den Heldenmut der Heimatarmee mit Debatten über die "verfluchten Soldaten" – besonders nach den Reformen des Instituts für Nationales Gedenken (IPN) unter der PiS-Regierung 2018. Ostmitteleuropäische Länder wie Ungarn und die Ukraine bezogen die Kritik an der sowjetischen Besatzung ein, doch aktuelle politische Entwicklungen – etwa Orbáns Rehabilitierung Horthys oder die ukrainischen Entkommunisierungsgesetze von 2015, die Bandera verherrlichen – haben populistische Konflikte um Gedächtnisgesetze und nationale Identität geschürt.
Die israelische Perspektive kreiste stark um den Holocaust und die Verfolgung der Juden, was mitunter andere Erfahrungsberichte in den Hintergrund drängte. Einige Teilnehmer wiesen darauf hin, dass dieser Fokus das Leid der Palästinenser überlagern kann – gelegentlich werde die Holocaust-Erzählung sogar genutzt, um Kritik an israelischem Handeln abzuwehren. Die palästinensische Friedensaktivistin Zeynep Karaosman schilderte unterdessen, wie ihre Begegnungen mit Israelis meist auf Soldaten an Checkpoints oder Siedler beschränkt blieben, nicht aber auf Zivilisten. Karaosman, die mit vielen israelischen Freunden gemeinsame Werte teilt, betonte, dass Hass nicht angeboren sei.
Trotz dieser Gräben bot die Konferenz einen seltenen Moment der Hoffnung: Junge Menschen aus historisch verfeindeten Nationen führten offene und ehrliche Gespräche. Die Austausche zeigten, dass Dialog selbst angesichts verfestigter Narrative möglich bleibt.
Die Berliner Veranstaltung legte offen, wie das Gedächtnis an den Zweiten Weltkrieg bis heute die Politik prägt – von EU-Debatten über kollektive Verantwortung bis hin zu Konflikten im Nahen Osten. Zwar dominiert in vielen nationalen Erzählungen die Opferrolle, doch die Konferenz machte deutlich, dass direkte Gespräche simplifizierende Deutungen herausfordern können. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt bei der Autorin.